Alle Ausgaben 2025 von 51° Nord

Das umfassende Archiv mit den vollständigen Ausgaben finden Sie hier.

 

 

KW 51 | 17. Dezember 2025

KI automatisiert Routinen — aber die frei werdende Zeit bleibt nicht leer. Was Arbeitsmarktstudien über Arbeitsverdichtung, gefragte Kompetenzkombinationen und die besondere Lage jüngerer Beschäftigter zeigen.

 

KW 49 | 3. Dezember 2025

Eine Studie aus Stanford und Harvard zeigt, wo KI berufliches Spezialwissen tatsächlich demokratisiert — und wo der „Gen AI Wall Effect“ einsetzt. Dazu ein Beispiel aus der beruflichen Bildung, in dem KI eingespielte Abhängigkeiten neu sortiert.

 

KW 47 | 19. November 2025

Die große Mehrheit der Lehrkräfte wäre bereit, KI zu nutzen — tatsächlich tut es nur rund ein Drittel. Warum Tool-Showcases verpuffen und was Mezirows desorientierendes Dilemma damit zu tun hat.

 

KW 45 | 4. November 2025

Bald kommen die Rückblicke auf drei Jahre ChatGPT, und mit ihnen die Warnungen. Wir möchten an etwas anderes erinnern: an den ersten Moment, an die Freude am Lernen und an die Menschen, die wir ohne KI nie kennengelernt hätten.

 

KW 43 | 22. Oktober 2025

Bots und KI-Assistenten entlasten Teams — aber mit jedem neuen Einsatzfeld wächst die Verantwortung. Worauf zu achten ist, sobald ein System mit Kundinnen und Teilnehmenden spricht.

 

KW 41 | 7. Oktober 2025

Berufseinsteigende finden schwerer ihren Platz, erfahrene Fachkräfte fragen sich, was von ihrem Können bleibt. Warum es dabei nicht um einzelne Tools geht, sondern um Expertise für Lernprozesse in einer sich wandelnden Arbeitswelt.

 

KW 39 | 24. September 2025

Eine Einwilligung zur Bildnutzung galt lange als rechtlich sichere Seite. Warum das in Zeiten generativer KI neu zu bedenken ist — und was daraus für Bildungseinrichtungen folgt.

 

KW 37 | 10. September 2025

Viele hoffen auf den perfekten Prompt, eine Art Geheimformel. Warum gerade erfahrene Fach- und Führungskräfte damit an ihre Grenzen stoßen und woher gute Ergebnisse tatsächlich kommen.

 

KW 35 | 27. August 2025

Die Grenze zwischen Assistenten, die helfen, und Agenten, die eigenständig handeln, verschwimmt. Was das für Bildungsorganisationen bedeutet — und warum Automatisierung ohne vorherige Klärung nur eine sehr schnelle Raupe erzeugt.

 

KW 33 | 13. August 2025

Im November 2022 war das Viertel noch Brachland. Fast drei Jahre später stehen Häuser, Straßen und Cafés — ein Rundgang durch das, was inzwischen gebaut wurde, und durch das, was noch fehlt.

 

KW 31 | 30. Juli 2025

Ausgerechnet Bildungsträger, die als digitale Vorreiter galten, stehen jetzt besonders unter Druck. Warum es nicht um mehr Digitalisierung geht, sondern um ein besseres Gespür dafür, was Menschen zum Lernen brauchen.

 

KW 29 | 16. Juli 2025

Warum der Browser der strategische Absprungpunkt im KI-Wettrennen ist und was das Rennen um Daten und Aufmerksamkeit für Bildungsorganisationen bedeutet.

 

KW 27 | 2. Juli 2025

Welche Tools braucht man wirklich? Eine Spritztour durch den Verkehr — vom verlässlichen Kombi über den Spezialisten bis zum Cabrio für den Wow-Moment, mit den persönlichen Favoriten der Redaktion.

 

KW 25 | 18. Juni 2025

Eigene KI-Assistenten zu bauen verlangt kein Programmieren, nur die Bereitschaft, eigenes Wissen zu bündeln. Warum die Erwachsenenbildung hier trotzdem hinterherhinkt und was der Unterschied zwischen zwei Stunden und einer halben Woche Arbeit ausmacht.

 

KW 23 | 4. Juni 2025

Die einen jagen von Tool zu Tool, die anderen flüchten ins Menschliche. Warum beide Wege in die Irre führen und was es stattdessen braucht, um Bildung von der Gegenwart her zu denken.

 

KW 21 | 21. Mai 2025

Eine Deloitte-Studie sieht Defizite bei Nachwuchskräften. Der Grund liegt tiefer: KI übernimmt genau jene einfachen Aufgaben, an denen Menschen bislang beruflich gewachsen sind.

 

KW 19 | 7. Mai 2025

Die häufigsten Anwendungsfälle heißen inzwischen nicht mehr Produktivität, sondern Begleitung und Orientierung. Was es für Lehrende bedeutet, wenn KI nicht als Werkzeug, sondern als Gegenüber erlebt wird.

 

KW 17 | 23. April 2025

Digitale Lernplattformen galten als sichere Zukunftsinvestition. Wie KI die Spielregeln verändert, was das schwedische Beispiel Ahlsell zeigt und welche Rollen sich dabei verschieben.

 

KW 15 | 9. April 2025

Google fasst Suchergebnisse jetzt selbst zusammen, Antwortmaschinen nennen oft keine Quellen. Was das für Bildungsanbieter bedeutet, die mit guten Inhalten im Netz gefunden werden wollen.

 

KW 13 | 26. März 2025

Ein Harvard-Forschungsteam hat 776 Fachleute bei Procter & Gamble untersucht. Das Ergebnis überrascht: Einzelpersonen mit KI übertrafen Teams ohne KI — und die Wissenssilos begannen sich aufzulösen.

 

 

 

 

Archiv der Editorials 2025

 

KW 51 | 2025 — Der eigentliche Hebel liegt nicht im Code

Erschienen am 17. Dezember 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

Künstliche Intelligenz wird häufig als technologische Revolution beschrieben. Doch ihr eigentlicher Hebel liegt nicht im Code, sondern im Menschen. Ein Blick auf aktuelle Arbeitsmarktstudien zeigt sehr deutlich, wie tiefgreifend dieser Wandel inzwischen wirkt.

Erstens: KI verändert Arbeit nicht nur, sie verdichtet sie. Routinetätigkeiten werden automatisiert, scheinbar einfache Aufgaben verschwinden. Doch die freiwerdende Zeit bleibt nicht leer. Sie wird gefüllt mit neuen Anforderungen: mehr Verantwortung für Bewertung, Kontrolle und Entscheidungen, höheres Tempo, komplexere kognitive Arbeit. Arbeit wird also nicht weniger, sondern anders und für viele auch anstrengender.

Zweitens reagiert der Arbeitsmarkt zunehmend auf KI. Gesucht wird allerdings nicht „die KI“, sondern Menschen, die mit KI arbeiten können. Die Nachfrage richtet sich auf Kompetenzkombinationen: auf die Verbindung von fachlichem Domänenwissen, Prozessverständnis, Urteilskraft und der Fähigkeit, KI sinnvoll einzubetten, zu steuern und kritisch zu bewerten. KI-Kompetenzen allein reichen nicht aus; ihren Wert entfalten sie erst im Zusammenspiel mit Erfahrung und Expertise.

Drittens zeigen sich die Spannungen dieses Wandels besonders deutlich im generationellen Vergleich. Ältere Beschäftigte verfügen häufig über gewachsenes Erfahrungs- und Domänenwissen – ein Polster, das Sicherheit gibt. Sie können KI eher als Ergänzung ihrer Expertise nutzen, als unterstützendes Werkzeug. Für jüngere Beschäftigte stellt sich die Situation oft anders dar. Ihnen fehlt dieses Erfahrungspolster noch. Sie befinden sich mitten im Aufbau ihrer beruflichen Identität und erleben gleichzeitig, dass genau in dieser Phase Routinen automatisiert werden und Erwartungen an Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit und Selbstlernen massiv steigen. Für viele junge Erwachsene wird KI - so die F.A.Z. - zum Stressfaktor, im Arbeitsalltag ebenso wie bei der eigenen Weiterbildung. Die Frage „Was macht mich eigentlich beruflich handungsfähig?“, stellt sich neu und häufig verunsichernd. Wo Erfahrungswissen noch nicht gewachsen ist und Orientierung fehlt, besteht die Gefahr, stärker auf Technologie angewiesen zu sein, statt sie souverän zu nutzen.

Der eigentliche Hebel der KI-Transformation liegt deshalb nicht in der Technologie, sondern darin, das Lernen, Arbeiten und Leben mit KI gut und verantwortungsvoll zu gestalten.

Das originäre Feld für Erwachsenenbildung.

Doch Bildungsorganisationen sind selbst Arbeitsorganisationen. Auch hier erleben viele Mitarbeitende keine Entlastung durch KI, sondern eine weitere Verdichtung von Arbeit, steigende Erwartungen und wachsenden Zeitdruck. Und das alles mit knapperen Budgets.

Wenn Weiterbildung eine tragende Rolle im gesellschaftlichen Wandel übernimmt, dann braucht es auch tragfähige Bedingungen für diejenigen, die diesen Wandel begleiten.

Für die kommenden Feiertage wünschen wir Ihnen Zeit zum Innehalten und für das neue Jahr Gesundheit und gute Rahmenbedingungen für alles, was Sie gestalten.

 

 

KW 49 | 2025 — Wo KI ohne Fachwissen an die Wand läuft

Erschienen am 3. Dezember 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

eine aktuelle Studie aus Stanford und Harvard wirft neues Licht darauf, wie KI menschliches Lernen und Wissenstransfer verändert und wo dabei unverrückbare Grenzen bestehen. Die Forschenden untersuchten in einem großen britischen Unternehmen, ob Mitarbeitende mit Hilfe von Generativer KI Aufgaben erfolgreich übernehmen können, die eigentlich einer anderen Berufsgruppe vorbehalten sind. Die Frage dahinter ist hochrelevant für Bildung und Weiterbildung: Kann KI berufliches Spezialwissen so weit „demokratisieren“, dass Menschen ohne Vorerfahrung plötzlich auf Expertenniveau arbeiten?

Die Ergebnisse zeigen ein zweigeteiltes Bild. Dort, wo Aufgaben klar strukturiert sind und sich gut in Regeln, Vorlagen und Muster zerlegen lassen, wirkt KI wie ein enormer Beschleuniger. Mitarbeitende aus völlig anderen Berufen konnten durch KI-Unterstützung erstaunlich schnell aufschließen.

Doch die Studie legt auch eine deutliche Grenze offen. Sobald Aufgaben weniger strukturiert sind und stärker auf Erfahrung, Kontextwissen oder impliziten fachlichen Routinen beruhen, greift die KI-Unterstützung ins Leere. Die Forschenden nennen das den „Gen AI Wall Effect“: einen Punkt, an dem KI Menschen ohne berufliche Expertise für die jeweilige Tätigkeit nicht mehr weiterbringen kann, weil ihnen das grundlegende Verständnis fehlt, um die KI-Vorschläge sinnvoll einzuordnen oder weiterzuentwickeln. Ohne ein solides Fundament an Domänenverständnis bleibt KI ein Werkzeug, das man zwar bedienen, aber nicht wirklich ausschöpfen kann.

Für die Bildungswelt bedeutet das eine wichtige Einsicht: KI kann Lernprozesse beschleunigen, das Lernen aber nicht ersetzen. Sie sorgt nicht dafür, dass Grundlagen überflüssig werden, sondern dass sie noch entscheidender sind. Denn nur wer dieses Fundament besitzt, kann mit KI tatsächlich große Sprünge machen; wer es nicht hat, stößt unweigerlich an die Gen AI Wall.

Das bedeutet aber nicht, dass KI nicht disruptiv wirkt. In unserer Beratungs- und Workshoparbeit sehen wir im Moment sehr deutlich, dass KI bestimmte Verteilungen im Bildungssystem schlicht neu sortiert. Ein Beispiel dafür ist die berufliche Bildung: Noch vor wenigen Jahren standen viele Träger vor dem Problem, dass sie ihre Kurse aufgrund fehlender Deutschkenntnisse nicht besetzen konnten. Die berufliche Bildung war darauf angewiesen, dass vorher jemand die sprachliche Qualifizierung der Teilnehmenden übernimmt und wenn das nicht funktionierte, kam der ganze Prozess ins Stocken.

Heute erleben wir etwas völlig anderes. Nicht, weil sich die Sprachbildung verbessert hätte, sondern weil viele Anbieter ihre fachlichen Materialien einfach per KI übersetzen lassen. Inhalte, die früher eine hohe sprachliche Hürde hatten, stehen nun mit einem Klick in verschiedenen Sprachen bereit. Für die Träger bedeutet das: Die Kurse laufen wieder, und das frühere Nadelöhr „Sprachvorbereitung“ spielt in der Praxis plötzlich eine viel geringere Rolle.

Dieses Beispiel zeigt sehr klar, was wir derzeit an vielen Stellen beobachten: KI verändert nicht zwingend die Bildung selbst, aber sie verändert, wie die einzelnen Bereiche zusammenhängen. Manche Abhängigkeiten lösen sich auf, andere entstehen neu. Die Prioritäten verschieben sich und damit geraten eingespielte Rollen und Zuständigkeiten ins Wanken.

Wer am Spielfeldrand steht und zuschaut, kann nicht einordnen, was gerade passiert.

 

 

KW 47 | 2025 — Bedienkompetenz ist keine KI-Literacy

Erschienen am 19. November 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Einführung von KI in Bildungseinrichtungen bringt ein erstaunliches Paradoxon zutage: Lehrende stehen der Technologie offen gegenüber, erkennen ihr Potenzial und setzen sie dennoch kaum ein. Bergdahl & Sjöberg (2025) beschreiben eine Entwicklung, die verblüffend banal und gleichzeitig hochkomplex ist: Obwohl die große Mehrheit der Lehrkräfte bereit wäre, KI zu nutzen, tut es am Ende nur rund ein Drittel.Die Kluft zwischen “Ich will’s” und “Ich mach’s”.

An Motivation mangelt es nicht. An Einsicht in die Relevanz schon gar nicht: Das Problem sitzt tiefer. Die Studie beschreibt, wie der technologische Wandel das professionelle Selbstverständnis der Lehrenden ins Wanken bringt.

Mezirow nennt dies das desorientierende Dilemma: Wenn die inneren Koordinaten verrutschen, erstarrt selbstgesteuertes Lernen. Und zwar ausgerechnet bei denen, die andere unterstützen und ermutigen sollen, lebenslang zu lernen.

Das erklärt, warum Tool-Showcases und gut gemeinte Appelle häufig effektlos verpuffen. Lernen braucht ein Mindestmaß an innerer Stabilität und Einordnung. Fehlt sie, wird nicht das Neue integriert, sondern das Bekannte verteidigt. Die Frage ist dann nicht: Wie nutze ich KI?, sondern: Wer bin ich, wenn KI plötzlich mitarbeitet?

Dieses Ringen betrifft alle Ebenen: Lehrkräfte wie Führungs- oder Verwaltungspersonal. Die erste Begeisterung über Chat GPT-Aha-Momente oder KI-generierte Bilder war ein sinnvoller Einstieg. Bleibt man jedoch in dieser Phase stecken, verhindert die Spielerei mit Tools die notwendige Entwicklung.Bedienkompetenz ist keine KI-Literacy

Prompts schreiben zu können, ist nicht die Königsklasse, sondern die Grundschule der KI-Kompetenz. Das löst keine strategischen Fragen, wie etwa:

Welche Rolle spielt KI künftig in unserer Organisation?

Wie verändert sie das Lernen der Teilnehmenden?

Und was bedeutet das für uns und unser Bildungsangebot?

Wer darauf keine Antworten entwickelt, bleibt technisch handlungsfähig, aber strategisch orientierungslos.

In unseren Fortbildungen sehen wir deutlich, wann Veränderung gelingt: immer dann, wenn Lehrende und Leitung gemeinsam denken, zweifeln, ausprobieren. Wo Fragen geteilt und Rollenbilder nicht verteidigt, sondern neu verhandelt werden. Diese Teams kommen voran. Nicht weil jemand mit der Universalantwort aufwartet, sondern weil alle bereit sind, ihre Antworten gemeinsam zu entwickeln.

 

KW 45 | 2025 — Erinnern Sie sich an die Magie?

Erschienen am 4. November 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist wieder so weit. Ende des Monats werden wir sie überall lesen: die Rückblicke, die Analysen, die nachdenklichen Essays zu drei Jahren Chat GPT. Und während sich viele dieser Beiträge auf die Risiken, die Gefahren und das, was nicht gelingt, konzentrieren werden, möchten wir nicht nur vor der Welle sein, sondern einladen, sich mit uns an einen anderen Aspekt zu erinnern: an die Magie.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie das erste Mal bewusst mit einer KI wie Chat GPT gearbeitet haben? Wir saßen damals Anfang Dezember 2022 allein vor unseren Bildschirmen, ohne eine Vorstellung davon, was uns erwartete. Und was wir erlebten, war nichts weniger als Magie. Eine unvorbereitete Begegnung mit einer Kraft, die unsere Vorstellungskraft überstieg. Und das war erst der Anfang, das war “nur” Chat GPT 3.5.

In den vergangenen drei Jahren ist so viel passiert. Wir haben uns an die ständige Verfügbarkeit dieser Werkzeuge gewöhnt, vielleicht ein wenig wie der Fischer und seine Frau aus dem Märchen, die immer mehr wollten und dabei das Wunderbare aus den Augen verloren. Doch diese scheinbar magische Kraft hat uns berührt, und sie hat den Grundstein für eine tiefgreifende Veränderung gelegt.

Natürlich sehen auch wir die Herausforderungen und Gefahren. Datenschutz, Urheberrecht, Nachhaltigkeit … Das sind alles berechtigte und wichtige Debatten. Man kann, und sollte vielleicht auch, in verschiedenen Teams sein können, wenn es um KI geht: mal im „Team WOW“, mal im „Team Vorsicht“. Aber wir möchten uns dem anschließen, was Sascha Lobo kürzlich auf dem HEX Festival in Braunschweig so treffend formulierte: „Die schlechten Dinge zu KI, die passieren von ganz alleine. Für die guten müssen wir intensiv zusammenarbeiten.“

Und genau das ist es, was wir in den letzten drei Jahren erlebt haben. Die gute Zusammenarbeit, die neuen Möglichkeiten, die uns diese Technologie eröffnet hat. Unsere Arbeit als Unternehmensberater und Referenten hat sich von Grund auf gewandelt. Prozesse, die früher Tage und viel Prokrastination gekostet hätten, sind heute augmentiert, manchmal automatisiert. Unsere Ergebnisse sind noch hochwertiger; zudem haben wir nun mehr Zeit für das Wesentliche: für Sie, unsere Kundinnen und Kunden. Wir können uns intensiver in Themen einarbeiten, uns Zeit für den Austausch nehmen und für das, was den Kern unserer Arbeit ausmacht.

Aber die Veränderung geht tiefer. Wir, die wir aus den Geisteswissenschaften und dem juristischen Bereich kommen, trauen uns heute in Welten, die uns früher verschlossen schienen. Wir tauchen in Automatisierungsworkshops ein, lesen internationale Studien aus Fachdisziplinen, die wir ohne KI nie gefunden, geschweige denn verstanden hätten. Wir sprengen die Silos unseres eigenen Wissens und unserer eigenen Fähigkeiten. Diese Freude, diese Neugier, die wir jeden Tag spüren, ist ansteckend.

Und das ist vielleicht die schönste Magie von allen: die Magie der Verbindung. Im Umfeld der KI tummeln sich vor allem Menschen, die neugierig sind, die Freude an Veränderung haben, die nach vorne blicken. Menschen, die wir ohne KI nie kennengelernt hätten. Wir sind interdisziplinärer unterwegs als je zuvor. Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen, und es entstehen neue, unerwartete Gemeinschaften.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, KI als rein digitales Phänomen zu betrachten. Das ist ein techchauvinistisches Denken, das der Sache nicht gerecht wird. Generative KI kriecht in alle Poren unseres Lebens, sie verändert unsere Routinen, sie verändert, wo wir lernen, wie wir lernen, mit wem wir lernen. Und was wir lernen. Und sie sorgt dafür, dass wir mehr miteinander sprechen müssen.

Die Veränderungen sind so schnell, so tiefgreifend, dass wir sie nicht mehr allein aus Texten verstehen können. Wir müssen in die Anwendung gehen und darüber mit Menschen sprechen, um zu begreifen, was passiert. Unser Netzwerk war noch nie so menschlich wie heute. Und das ist vielleicht die größte Ironie und das schönste Geschenk dieser technologischen Revolution.

Lassen Sie uns also, wenn die Welle der Jahresrückblicke kommt, nicht nur über die Gefahren sprechen. Lassen Sie uns auch von der Magie erzählen, von der Freude am Lernen und von den Menschen, die wir auf dieser Reise neu entdecken. Denn für die guten Dinge müssen wir zusammenarbeiten.

 

KW 43 | 2025 — Wenn Bots nach außen sprechen

Erschienen am 22. Oktober 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

Bots und KI-Assistenten sind eine großartige Ergänzung für Bildungseinrichtungen und Unternehmen. Sie beantworten Routinefragen, begleiten Lernende und entlasten Teams. Doch mit jedem neuen Einsatzfeld wächst auch die Verantwortung. Daher sollten Sie sich immer dann Profis dazuholen, wenn Systeme nach außen, d.h. mit Kundinnen und Kunden kommunizieren. Denn heute kommen Angriffe oder Fehlfunktionen nicht mehr über versteckte Hintertüren, sondern durch die ungeschützte Vordertür.

Nehmen wir einen Chatbot, den Sie für die Kundenkommunikation gebaut haben. Netter Kerl, gut trainiert, voller hilfreicher Infos zu Ihren Kursen und Angeboten. So ein digitaler Assistent ist schnell gebaut und oft erstaunlich kompetent. Aber was, wenn jemand ihn testet? Nicht auf Fakten, sondern auf Grenzen? Ein paar kreative Eingaben später könnte der Bot plötzlich anzüglich werden.

Es braucht keine Hackergruppe dafür, ein gelangweilter Azubi mit Humor auf Reddit reicht aus. Ein einziger Screenshot, der zeigt, wie der Chatbot Ihres Bildungswerks Studierende unangemessen anspricht, kann für einen veritablen Shitstorm genügen.

Was, wenn der Bot auf Inhalte zugreift, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren? Internes Know-how, exklusive Lernpfade, persönliche Didaktik? Mit ein bisschen sprachlichem Geschick lässt sich mit Prompt Injection so mancher KI-Assistent zu Aussagen verleiten , die er besser für sich behalten hätte.

Vielleicht haben Sie viel Zeit und Geld in Ihre digitale Lernplattform investiert, mit hochwertigen Kursen, sorgfältig erstellten Arbeitsblättern und einer Paywall, die Ihre Inhalte schützt. Nach außen scheint alles sicher: Zugänge sind beschränkt, Passwörter gut gewählt, die Technik solide. Doch agentische Browser agieren anders. Sie sind keine Hacker im klassischen Sinn. Sie agieren im Internet wie Menschen, öffnen Ihre Website, klicken auf Ihren „Kostenlosen Testzugang starten“, bestätigen brav: „Ich bin kein Roboter“, und loggen sich ein. Sobald der Zugang steht, beginnt der automatisierte Download: Kurs für Kurs, Arbeitsblatt für Arbeitsblatt. Der Angriff kommt also nicht über die Hintertür, sondern durch die offizielle Eingangstür und nutzt genau das aus, was Sie für Ihre Kundinnen und Kunden zugänglich machen wollten.

Ein aktueller Fall aus Österreich zeigt, wie trügerisch das Versprechen vermeintlich einfacher KI-Lösungen bzw. unbedarftes Vibe Coding in der Kundenkommunikation sein kann. Das Tiroler Startup Localmind warb im Oktober 2025 damit, dass Unternehmen „ohne Programmierkenntnisse“ eigene KI-Anwendungen entwickeln, trainieren und in ihrer Infrastruktur betreiben könnten. Sprache statt Code war das Versprechen.

Im Fall von Localmind wurde genau das zur Falle: Einem Hacker gelang es mühelos, sich Zugang zur Dateninfrastruktur zu verschaffen. Zahlreiche Kunden waren betroffen, ihre sensibelsten Daten lagen möglicherweise monatelang offen. Der Angriff war kein Angriff im klassischen Sinn. Er nutzte nur, was das System selbst bereitwillig preisgab.

Und darin liegt die eigentliche Lehre: Je einfacher Technologie zugänglich wird, desto anspruchsvoller wird ihre Absicherung. Niedrigschwellige Schnittstellen schaffen nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neue Angriffsflächen.

Unser Tipp: Bleiben Sie aufmerksam, wenn Sie mit Hilfe von Bots nach außen kommunizieren oder Daten von Kundinnen und Kunden verarbeiten. Bots in der Kundenkommunikation können großartig sein. Kann man alles super machen, aber man muss wissen, wie. Nichts, was man einfach mal so eben um 23 Uhr am Küchentisch machen sollte.

Weil wir wissen, wie komplex und herausfordernd das Thema ist, haben wir uns Gäste eingeladen, die genau das geschafft haben: Sie haben die Entwicklung eines Bots für ein ganzes Bundesland umgesetzt. Am 28.11. lassen sie uns von 11.30–13.00 Uhr einen Blick hinter die Kulissen werfen, erzählen, wie sie vorgegangen sind, was gut lief und was sie unterwegs gelernt haben. Wir freuen uns sehr, dass sie sich Zeit nehmen, um ihre Erfahrungen mit uns zu teilen. Hier erst einmal als kleines Save-the-Date, genauere Infos folgen.

Wir selbst sind keine Experten für Cybersicherheit. Unser Beitrag liegt darin, Entwicklungen einzuordnen, Chancen und Risiken sichtbar zu machen, Netzwerke zu knüpfen und Diskussionen anzustoßen.

 

KW 41 | 2025 — Welche Kompetenzen zählen morgen noch?

Erschienen am 7. Oktober 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

derzeit spüren wir eine wachsende Verunsicherung. Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger finden schwerer ihren Platz, weil Tätigkeitsprofile sich rasch verändern. Erfahrene Fachkräfte fragen sich, welche ihrer Kompetenzen morgen noch zählen. Viele erleben, dass KI Routineaufgaben übernimmt und zugleich neue Unsicherheiten schafft. Wissen ist ständig verfügbar, Antworten scheinen jederzeit abrufbar und dennoch bleibt das Gefühl, viel zu wenig zu verstehen. Immer stärker wächst das Empfinden, mit dem Tempo der Veränderung nicht mehr Schritt halten zu können.

Absurderweise erkennen wir als Bildungsanbieter in dieser Verunsicherung nicht den Auftrag an uns. Wir agieren, als beträfe sie uns nicht. Wir machen mit dem weiter, was wir bisher gemacht haben, und nutzen KI vorwiegend als Autoren-Tool: Thema anklicken, Niveaustufe auswählen, Aufgabentyp wählen, fertig ist das Arbeitsblatt. Echte KI-Kompetenz sieht anders aus.

Doch in der Verunsicherung benötigen wir alle Räume, in denen wir unsere Orientierung wiederfinden können. Räume, in denen wir unsere Antworten entwickeln können, Räume, in denen wir neue Wege ausprobieren und das eigene Lernen weiterentwickeln können.

In jeder Branche, in jeder Kommune, in jedem Landkreis braucht es Bildungsakteure, die genau dieses Feld besetzen: das Feld, in dem der Weg von der Unsicherheit zur Handlung, von der Veränderung hin zur Kompetenzentwicklung gefunden wird.

Und auch wenn viel Neues um uns herum entsteht, so muss gerade das Lernen nicht neu erfunden werden: Wir wissen schon lange viel darüber, schauen aber seit Jahrzehnten nur aufs Lehren. Nach wie vor gehen wir von der irrigen mechanistischen Vorstellung aus, dass es einen kausalen Bezug zwischen Lehren und Lernen gibt: Je mehr Stoff ich in den Unterricht einbringe, desto mehr kommt bei den Lernenden an.

Darauf weist auch John Hattie hin und verschiebt aktuell den Fokus seiner Studien vom Lehren auf das Lernen. Und Yvonne Behnke führt uns mit ihrem Bestseller Lernmythen eindrucksvoll vor Augen, wie wenig wir selbst als Bildungsprofis über das Lernen wissen.

Wo stehen wir also als Bildungsorganisationen in einer von KI geprägten Welt? Wir müssen nicht nur unsere Geschäftsmodelle, sondern mit ihnen auch die eigene Personalentwicklung und den Kompetenzaufbau neu ausrichten.

Es geht nicht darum, einzelne KI-Tools zu beherrschen, sondern zu Expertinnen und Experten für Lernprozesse in einer sich wandelnden Arbeits- und Lernwelt zu werden.

Wer diese Entwicklung erkennt und seine Angebote jetzt darauf ausrichtet, besetzt ein Feld, das in den kommenden Jahren immer stärker an Bedeutung gewinnen wird.

 

KW 39 | 2025 — Das Gruppenfoto am letzten Kurstag

Erschienen am 24. September 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

in der Erwachsenenbildung ist es gute Tradition: Am letzten Kurstag wird gefeiert, es gibt ein Gruppenfoto, vielleicht eine Zertifikatsübergabe oder ein Erinnerungsbild, das dann in Social Media gepostet wird. Bislang galt: Wenn eine Einwilligung zur Nutzung dieser Bilder vorliegt, ist man rechtlich auf der sicheren Seite. Doch diese Selbstverständlichkeit beginnt zu bröckeln. Die DSGVO schreibt vor, dass personenbezogene Daten – und dazu zählen Fotos, auf denen Menschen erkennbar sind – nur verarbeitet werden dürfen, wenn die betroffene Person vorher informiert eingewilligt hat.

Doch was bedeutet es im Jahr 2025, dass Teilnehmende „informiert“ zustimmen? Können sie das trotz schriftlicher Einwilligung, trotz Aufklärung überhaupt noch? Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Antwort „nein“ lautet. Nicht einmal Fachleute können heute verlässlich beurteilen, welche Risiken mit der Veröffentlichung eines Bildes in der digitalen Welt verbunden sind und welche Anwendungen morgen Realität sein werden. Hinzu kommt, dass es in Zeiten von KI nicht beim einzelnen Bild bleibt. Vielmehr werden dank sogenannter Datenaggregation verschiedenste Informationen aus dem Netz in Sekundenschnelle miteinander verknüpft, sodass ein Foto rasch in Beziehung zu unendlich vielen anderen Daten gesetzt wird.

Wer mag, lädt einmal ein spontanes Selfie auf PimEye hoch und staunt, wie schnell das eigene Gesicht identifiziert und im Internet gefunden wird. Oder Sie testen www.theyseeyourphotos.com , ein Experiment, das dafür sensibilisieren möchte, wie viele Informationen – aber auch Fehlinformationen – KI aus einem einzigen Bild ableiten kann.

Die Dynamik der KI hat die Bedeutung von Fotos grundlegend verändert. Aus einem netten Moment kann ein dauerhaftes biometrisches Erkennungsmerkmal werden. Selbst wenn Europa das massenhafte Scrapen von Gesichtern verbietet: Die Durchsetzbarkeit ist schwach. Das Netz kennt keine Grenzen. (Scrapen bezeichnet das automatisierte Sammeln von Daten aus dem Internet. Im Fall von Fotos bedeutet das: Bilder von Gesichtern werden ohne Wissen der Betroffenen heruntergeladen und für Zwecke wie das Training von KI-Systemen verwendet.)

Was früher nur ein Gesicht war, wird heute zum Rohmaterial für algorithmische Auswertung: Gesichtserkennung, Hintergrundanalysen, Ortung, Ableitung von Emotionen, sogar Avatare oder Deepfakes lassen sich aus wenigen Referenzbildern generieren. Die Betroffenen haben weder die Kontrolle über die Weiterverwendung noch die Möglichkeit, der KI die Daten wieder „entziehen“ zu lassen.

Für uns persönlich können wir entscheiden, ob wir mit einem Bild im Internet leben können. Doch sobald wir in einer Bildungsorganisation Verantwortung tragen, reicht diese individuelle Abwägung nicht mehr aus.

Wer weiterhin auf klassische Gruppenfotos setzt, von vorn, gut ausgeleuchtet, mit erkennbarem Setting, läuft Gefahr, in eine Praxis zu investieren, die bald weder rechtlich noch gesellschaftlich haltbar ist. Abstrahierte Darstellungen, Aufnahmen von hinten, Illustrationen oder gezielt verfremdete Konzepte können Erinnerungen ermöglichen, ohne Einzelne zu exponieren.

Die Spielregeln haben sich verändert. Gesichter sind viel mehr als Momentaufnahmen. Sie sind digitale Rohdaten, die sich anderswo wiederfinden, verarbeitet und weiterverwendet werden. Und zwar auf Arten, die wir heute oft noch gar nicht absehen können.

Deshalb lohnt es sich, als Bildungsorganisation die eigenen Routinen zu hinterfragen. Was früher unbedenklich war, kann morgen zum Problem werden. Und wer Verantwortung trägt, sollte diese Entwicklungen zu Ende denken.

 

KW 37 | 2025 — Prompts sind wie Einkaufszettel

Erschienen am 10. September 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

unsere Erfahrung als Fortbildner zeigt: Gerade erfahrene Fach- und Führungskräfte in der Erwachsenenbildung stoßen beim Arbeiten mit KI, vor allem beim Prompten oder beim Bauen von KI-Assistenten, an ihre Grenzen. Viele hoffen auf den „perfekten Prompt“, eine Art Geheimformel, die man nur kennen müsste.

Doch genau das gelingt ihnen oft nicht und das aus sehr gutem Grund. Denn beim Prompten geht es im Kern darum, die eigene Arbeit präzise zu beschreiben, analytisch zu durchdringen und in klare Sprache zu fassen.

Bislang war das nicht notwendig. Berufserfahrung, Routinen und Intuition haben es ermöglicht, souverän zu handeln, ohne den eigenen Prozess explizit erklären zu müssen. Eine Führungskraft führt Mitarbeitergespräche sicher, weil sie über soziale Kompetenz, Erfahrung und Menschenkenntnis verfügt. Nicht, weil sie den Gesprächsprozess jemals in Teilschritte zerlegt und benannt hätte. Eine Dozentin steuert Lernprozesse intuitiv, weil sie den Raum lesen kann, ohne je genau aufzuschreiben, welche impliziten Signale sie dabei verarbeitet. Ein Konzeptentwickler entwirft Programme, weil er ein jahrelang geschultes Gespür für Bedarfe hat.

Aber die Anforderungen ändern sich. In einer Arbeitswelt, die zunehmend von KI geprägt ist, werden gerade Wissensarbeiter, also Führungskräfte und Menschen in Bildungsberufen herausgefordert, ihr implizites Wissen explizit zu machen.

Aktuelle Forschung zeigt, dass der gekonnte Umgang mit generativer KI in vieler Hinsicht dem Arbeiten guter Führungskräfte ähnelt: Wer delegiert, muss Ziele klar formulieren, Arbeitsschritte beschreiben und Ergebnisse prüfen.

Prompts und gute KI-Assistenten entstehen dann fast automatisch aus dieser Klarheit und nicht umgekehrt.

Am Ende gilt: Prompts sind wie Einkaufszettel: Sie helfen nur, wenn man weiß, was man kochen will.

 

KW 35 | 2025 — Aus Assistenten werden Agenten

Erschienen am 27. August 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist noch gar nicht lange her, da unterschied man ganz klar: Hier die Assistenten, dort die Agenten. Assistenten halfen, aber sie wurden nicht von sich aus aktiv. Agenten wiederum agierten eigenständig, mit Automatisierungen und Workflows. Doch wie in so vielen Bereichen verschwimmen auch hier die Grenzen. Schon jetzt sind KI-Assistenten nicht mehr nur die stillen Zuarbeiter, sie werden agentischer, selbstständiger, flexibler.

Und wir müssen gar nicht mehr alles selbst bauen. Wo früher viel Spezialwissen im Hintergrund nötig war, entstehen inzwischen Baukastensysteme, mit denen man Assistenten mit Automatisierungen verknüpfen kann, fast so einfach wie das Aufeinandersetzen von Lego-Steinen. Und genauso kann man es auch wieder zurückbauen oder umbauen, wenn man merkt, dass das Ergebnis nicht passt. Man kann nichts kaputt machen.

Eine erste Kategorie von Use-Cases sehen wir in der Erwachsenenbildung ganz nah am Schreibtisch, im Alltag: Assistenten helfen, Ordnung in unseren Verwaltungsalltag zu halten. Sie unterstützen beim Onboarding neuer Kolleginnen und Kollegen, sortieren E-Mail-Fluten am ersten Arbeitstag nach den Ferien, koordinieren Termine oder schaffen Struktur in Dokumenten. Immer mehr KI-Plattformen laufen DSGVO-konform, sodass man auch mit internen Dokumenten produktiv werden kann.

Man muss kein Technikprofi sein, um diese Assistenten zu nutzen. In unserer letzten KI-Sprechstunde haben wir ein Tool vorgestellt, das bereits mit fertigen Templates arbeitet. Damit kann man sofort starten, auch ohne spezifische Kenntnisse. Wir werden in der nächsten KI-Sprechstunde noch einmal live darauf schauen und gemeinsam ausprobieren, wie einfach es wirklich ist.

Der Effekt ist doppelt: Zum einen spare ich Zeit, denn Assistenten nehmen mir Verwaltungsnickeligkeiten ab. Zum anderen lerne ich, mich direkt an meinen eigenen Use-Cases zu schulen. Das ist wie ein Mini-Training: Ich gewinne Luft für das Wesentliche und übe zugleich, KI gezielt einzusetzen.

Die zweite Kategorie ist weniger Verwaltung, mehr Reflexion: Assistenten als Sparring-Partner. Hier geht es nicht um effiziente, sondern um die richtigen Prozesse. In der Personalentwicklung, in der Qualitätsarbeit oder bei der Profil- und Angebotsentwicklung können KI-Assistenten uns anregen, den Blickwinkel verändern.

Und dieser Perspektivwechsel ist Gold wert. Denn was schwerfällt, ist nicht die Routine, sondern das Infragestellen des Bekannten. Assistenten können dabei als Spiegel dienen, beim Brainstorming helfen, als Resonanzfläche …

Die dritte Kategorie ist um vieles heikler: Assistenten im Kontakt mit Kundinnen und Kunden. Hier sehen wir in der Praxis viele Stolperfallen. Technische Grenzen werden oft unterschätzt; und das kann schnell nach hinten losgehen. Ein Bot, der unbedacht eingesetzt wird, kann plötzlich auf TikTok landen, weil ihn jemand in absurde oder rufschädigende Gespräche verwickeln oder die Datenbasis knacken konnte.

Mit Assistenten nach außen zu gehen, ist die Königsdisziplin und nichts für den ersten Übungsversuch.

Besonders spannend finden wir den Einsatz von Persona-Assistenten. Hier geht es nicht mehr nur um Verwaltung oder Reflexion, sondern um Planung: Welche Kundengruppen habe ich, welche fehlen mir? Welche Projekte lohnen sich? Wie kann ich Ausschreibungen auf hohem Niveau gestalten?

Persona-Assistenten können hier ein echter Hebel sein, eine Art Hebebühne für Bildungsplanung und Angebotsentwicklung. Philippa Hartmann hat dafür ein sehr interessantes Framework entwickelt, das wir uns in unseren Workshops genauer ansehen.

KI-Assistenten sind längst keine Zukunftsvision mehr, sondern praktische Werkzeuge im Alltag von Bildungseinrichtungen. Entscheidend ist jedoch, wie wir sie einsetzen.

Grundsätzlich gelten auch hier der EU AI Act sowie die übrige Rechtsordnung. Auch Niedrigrisiko-KI kann hier schnell zum Hochrisikofall werden. Wer etwa ein scheinbar unbedenkliches System in einen Agenten verwandelt, der selbstständig Entscheidungen darüber trifft, welche Bewerbungen im Auswahlverfahren weiterkommen, bewegt sich sofort im Hochrisikobereich. Wer mit KI arbeitet, braucht heute interdisziplinäres Verständnis - fachlich, rechtlich, technisch, organisatorisch.

In manchen Bereichen helfen sie uns, schneller bei dem zu werden, was erledigt werden muss. In anderen können sie uns dabei unterstützen, mit ganz neuem Blick auf das zu schauen, was besser oder anders werden muss. Frei nach George Westerman: „Wenn digitale Transformation richtig gemacht wird, gleicht sie einer Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt. Wenn sie falsch gemacht wird, hat man nur eine sehr schnelle Raupe.”

 

KW 33 | 2025 — Generative KI als neues Stadtviertel

Erschienen am 13. August 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

stellen Sie sich vor, generative KI wäre ein neues Stadtviertel. Als im November 2022 Chat GPT für Otto Normalverbraucher und Erika Mustermann zugänglich wurde, war dieses Viertel für die meisten von uns noch reines Brachland.

Fast drei Jahre später hat sich vieles verändert. Die ersten Straßen sind gebaut, Häuser stehen, Cafés haben eröffnet – und trotzdem ist noch längst nicht alles fertig. Wer sich heute umsieht, begegnet den unterschiedlichsten „Bewohnergruppen“.

Die Pioniere kamen als Erste. Sie haben das Gelände kartiert, Grundstücke erschlossen, Rohre gelegt und vielleicht kleinere Gebäude gebaut – funktional, solide, bereit zum Ausbau, sobald klar war, was hier entstehen soll.

„Keine Ahnung, wie groß das hier wird – aber wenn wir nicht anfangen, finden wir’s nie raus.“

Die Tekkies errichteten in Rekordzeit beeindruckende Hightech-Bauten – voll vernetzt, automatisiert, mit modernster Ausstattung. Noch weiß niemand genau, wer dort wohnen soll. Es gibt keine Zufahrtsstraßen, nichts ist erschlossen, und manche haben sogar vergessen, Türen einzubauen.

„Wir haben gleich ein eigenes, riesiges KI-Modell gebaut – klar, hat ein Vermögen gekostet, aber klein anfangen wäre doch langweilig.“

Andere sind eher wie Ferienhaus-Besitzer. Sie kennen den Weg, kommen aber nur alle paar Wochen vorbei. Vom eigentlichen Umbau der Stadt bekommen sie kaum etwas mit.

„Klar, KI! Kenn ich. Kann ich. Das ist doch dieses Chat GPT. Damit mach ich immer die Geburtstagsgedichte für Tante Gerda.“

Die Vorsichtigen und Zaudernden werden das Viertel erst dann betreten, wenn alles perfekt ist – Zebrastreifen gemalt, Ampeln installiert, Straßen asphaltiert, Straßenschilder angebracht … (Was viele nicht sehen: Schon heute gibt es sichere Wege, um hineinzukommen.)

„Ich warte lieber, bis alles zu 100 % datenschutzkonform geprüft und zertifiziert ist.“

Manche haben Angst, das Viertel überhaupt zu betreten. Sie glauben, das Viertel sei nur für junge oder technikaffine Leute. Sie bleiben lieber im alten Stadtteil.

Aber: Manche Angebote wird es künftig nur noch hier geben. Vielleicht zieht ihr Hausarzt vom alten Stadtteil ins neue. Wenn sie ihn behalten wollen, müssen sie wissen, wie sie dorthin kommen. Sie müssen nicht hier wohnen, aber sie sollten den Weg finden. Und wenn sie einmal da sind, merken sie vielleicht, dass es hier sogar barrierefreie Wege gibt, die es im alten Viertel nie gab.

„Dieses Computerzeug, das brauche ich doch gar nicht. Das ist doch viel zu kompliziert.“

Man trifft nie diejenigen, die nur einmal kurz da waren– damals, als noch alles Schotter war. In ihrem Kopf ist das Bild vom unfertigen Viertel eingefroren. Sie wissen nicht, dass hier inzwischen lebendige Nachbarschaften, neue Ideen und florierende Geschäfte entstanden sind.

„KI? Hab ich ausprobiert – kam nur völliger Blödsinn bei raus. Nie wieder.“

Und dann gibt es noch die Stadtplaner. Sie haken sich unter, schaffen Infrastruktur, bauen Brücken, Zugangsstraßen, Gemeinschaftseinrichtungen und klare Prozesse und sorgen dafür, dass niemand isoliert in seinem Häuschen sitzt. Sie wollen ein Viertel, das lebt, atmet und Menschen miteinander verbindet.

„Was brauchst du, damit du dich hier wohlfühlst? Was würde dir helfen, hier gut zu arbeiten und zu leben?“

Wir wissen natürlich, dass dieses Bild vom neuen Stadtviertel an mindestens einer Stelle bricht. Denn wir bauen mit KI nicht wirklich ein völlig neues Quartier. Vielmehr zieht KI in den bestehenden Stadtteil ein. Das neue Viertel ist für uns eine bewusst gewählte Konstruktion, die hilft, den gegenwärtigen Stand zu veranschaulichen.

Unter den Menschen, die in der Erwachsenenbildung arbeiten, finden wir aktuell all diese „Bewohnergruppen“ wieder.

Genau das nehmen wir in unseren Fortbildungen, Coachings, Beratungsleistungen, Moderationen und Keynotes wahr: eine Bandbreite, die immer noch erstaunlich groß ist.

Einen schönen Sommer wünscht

 

KW 31 | 2025 — Wo die Digitalisierung Erfolg hatte, trifft KI am härtesten

Erschienen am 30. Juli 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

ausgerechnet dort, wo die Digitalisierung bislang als Erfolg gefeiert wurde, entfaltet generative KI ihre disruptivste Kraft: Bildungsträger, die als digitale Vorreiter galten, stehen aktuell besonders unter Druck.

Gut zweieinhalb Jahre nach dem Launch von Chat GPT ist klar: Generative KI ist angekommen – nicht nur in den Medien oder auf Fachkonferenzen, sondern mitten in unserem Lebens- und Arbeitsalltag. Bildungsträger sehen sich nun mit einer zentralen Frage konfrontiert: Was genau verändert sich und wie reagieren wir klug darauf?

Dabei zeigen sich zwei sehr unterschiedliche Haltungen: Die einen spüren, dass ihr Geschäftsmodell in Frage gestellt wird. Sie ahnen eine grundlegende Verschiebung darin, wie Wertschöpfung, Lernen und Arbeit künftig funktionieren. Die anderen hingegen betrachten vor allem die Technologie und gehen davon aus, dass es sich bei KI um eine lineare Fortsetzung der Digitalisierung handelt.

Doch genau diese vertraute Logik der Digitalisierung kann im Zeitalter generativer KI zur Sackgasse werden.

Agentenbasierte Systeme wie der Agentenmodus von Chat GPT oder Manus bewegen sich inzwischen selbstständig durch digitale Lernplattformen, absolvieren Kurse, erwerben Zertifikate. Paywalls? Umgehbar. Inhalte? Absaugbar. Der Anbieter dahinter? Unsichtbar. Selbst das Internet, wie wir es bisher kannten, gerät unter erheblichen Druck.

Auch viele digital aufgestellte Bildungsanbieter, die begonnen haben, KI nachträglich in bestehende Systeme zu integrieren, geraten zunehmend ins Hintertreffen. Verdrängt durch AI-first-Angebote, die von Grund auf anders konzipiert sind.

Denn klassische Plattformlogiken setzen voraus, dass Inhalte erstellt, organisiert, verteilt und dann möglichst effizient konsumiert werden. Doch generative KI stellt genau dieses Vorgehen auf den Kopf: Inhalte entstehen nicht mehr primär vorab, sondern im Moment der Interaktion – individuell, kontextsensibel, dialogisch. Plattformen, die auf statischer Inhaltslogik beruhen, geraten dadurch an ihre Grenzen. Der Wert verschiebt sich vom Angebot zur Ermöglichung.

Paradoxerweise zeigt sich derzeit, dass dadurch gerade jene Bildungsträger besonders zukunftsfähig sein könnten, die nicht ausschließlich auf digitale Skalierung gesetzt haben, sondern die tief in physischen Räumen, sozialen Beziehungen und regionalen Kontexten verankert sind.

Was sie stark macht, ist jedoch nicht die Rückkehr in eine analoge Komfortzone , sondern ihre Fähigkeit, hybride Praktiken zu entwickeln. Sie verstehen KI nicht als Bedrohung oder rein technisches Add-on, sondern als Chance, ihre Bildungsräume klug weiterzuentwickeln. Nicht als Ersatz sozialer Interaktion, sondern als Ergänzung: zur individuellen Unterstützung, in der Inklusion, zur Erweiterung von Entwicklungsspielräumen.

Gerade diese Orchestrierung von menschlicher Nähe und technologischer Offenheit, von sozialer Verankerung und digitaler Gestaltungskraft, könnte sich in den kommenden Jahren als entscheidender strategischer Vorteil erweisen.

Zukunftsorientierte Träger nutzen KI nicht primär, um ihr Bildungsangebot digital zu standardisieren, sondern um ihr Qualitätsmanagement zu erweitern: um herauszufinden, wie sie Teilnehmende vielleicht mehrsprachig ansprechen können, wie sie mit Hilfe von KI Zugänge erleichtern, sich diverser aufstellen, Perspektiven gewinnen, die sie zuvor nicht wahrgenommen haben. KI-Assistenten und die Arbeit mit Personas haben sich hier als sehr produktiv erwiesen.

Bildung in einer KI-geprägten Welt braucht also kein Mehr an Digitalisierung, sondern ein besseres Gespür dafür, was Menschen brauchen, um sich im Leben und Lernen in einer KI-geprägten Welt zurechtzufinden.

 

KW 29 | 2025 — Der Browser kennt uns zu gut

Erschienen am 16. Juli 2025

Liebe Leserin, lieber Leser, sind KI-Browser die nächste Evolutionsstufe des Internets?Stellen Sie sich einen Browser vor, der nicht nur Webseiten anzeigt, sondern sich eigenständig durchs Netz bewegt: Formulare ausfüllt, sich in Accounts einloggt, Produkte vergleicht und Reisen bucht. KI-Browser wie Dia , Comet von Perplexity oder bald auch das angekündigte Pendant von Open AI machen genau das möglich. Was bislang nach Science-Fiction klang, ist plötzlich Realität. Viele dieser Anwendungen sind jedoch bisher nicht frei verfügbar oder mit Kosten verbunden. In der 51° Nord- KI-Sprechstunde am 30.07. stellen wir den Genspark AI Browser vor, der Aufgaben wie Recherche, Vergleich und Informationsorganisation automatisiert und so das Springen zwischen Tabs reduziert. Es gibt sogar eine Funktion namens „Ruf für mich an“ – die KI telefoniert im Auftrag der Nutzerin, holt Auskünfte ein und gibt das Ergebnis direkt zurück.

Warum ist der Browser ein so wichtiger strategischer Absprungpunkt? Ganz einfach: Weil er uns so gut kennt. Die Menge an persönlichen Informationen, die über den Browser gesammelt wird, macht ihn zu einem Gatekeeper in der digitalen Welt. Kein Wunder, dass das KI-Browser-Wettrennen um unsere Daten und unsere Aufmerksamkeit in vollem Gange ist.

Zwar gibt es bereits Browser mit integrierten KI-Funktionen – etwa durch smarte Suchvorschläge, Textzusammenfassungen oder Chatbot. Doch die neuen KI-Browser sind keine herkömmlichen Browser mit ein bisschen KI. Sie sind von Grund auf AI-first konzipiert. Künstliche Intelligenz steht hier im Zentrum der Anwendung, nicht als Nebenfunktion. Der Browser wird somit zum Agenten – einem Assistenten, der nicht nur reagiert, sondern aktiv handelt.

Das agentische Prinzip bedeutet: Der Nutzer gibt eine Aufgabe ein – etwa „Buche ein Urlaubsziel in Österreich, das mir gefallen könnte“ – und der Browser erledigt den Rest. Er öffnet Webseiten, durchsucht Angebote, befüllt Formulare und führt Aktionen aus. Über die Reichweite der Aktionen – ob ich lediglich einen Buchungsvorschlag erhalte oder ob der Browser die Buchung für mich auch abschließt – entscheidet der Nutzer. Das macht er immer häufiger, ohne einen genaueren Blick auf die durchsuchten Webseiten zu werfen. Was zählt, ist die Zusammenfassung, die er erhält, nicht der Weg dorthin.

KI-Browser stellen auch Bildungsanbieter vor einige zentrale Herausforderungen:

Ein KI-Browser wird nicht nur alltägliche Aufgaben erledigen, sondern auch in spezialisierten Bereichen wie der Bildung aktiv werden. Stellen Sie sich vor, der Browser würde sich automatisch in eine Lernplattform einloggen, anstelle des Nutzers Prüfungsfragen beantworten oder sich sogar in Chats mit anderen Lernenden austauschen – ganz im Einklang mit den Anforderungen des Online-Kurses.

Was passiert, wenn KI nicht nur öffentlich zugängliche Informationen durchsucht, sondern auch auf geschützte Inhalte zugreift? Viele Plattformen im Bildungsbereich arbeiten mit Abomodellen oder Paywalls. Ein KI-Browser, der auf gespeicherte Login-Daten und Zahlungsinformationen zugreifen kann, ist auch in der Lage, sich automatisch anzumelden und Inhalte systematisch auszulesen. Doch selbst ohne solche Zugangsdaten verschaffen sich KI-Browser bereits bemerkenswert weitreichenden Zugriff: Der Publizist Henk van Ess zeigt, dass Chat GPT, Perplexity und XAIs Grok in rund 50 % der Fälle Paywalls erfolgreich umgehen – Claude von Anthropic liegt immerhin bei 35 %.

In einer solchen Welt geht digitale Sichtbarkeit weit über gutes Webdesign oder SEO hinaus. Wer Inhalte in Zukunft erfolgreich vermitteln möchte, muss sicherstellen, dass sie maschinenlesbar, agentenverständlich und funktional eingebettet sind. Der „Nutzer“ von morgen (oder bereits von heute?) ist nicht mehr nur ein Mensch, der mit der Maus auf Webseiten klickt, sondern eine KI, die nur dann zugreift, wenn Inhalte KI-optimiert sind.

Für Bildungsanbieter bedeutet das nicht nur eine strategische Herausforderung, die eigenen Inhalte zu schützen und sichtbar zu machen, sondern auch eine qualitative. Mit dem Aufkommen von agentischen KI- Browsern wird die Art und Weise, wie Inhalte präsentiert werden, zunehmend algorithmisch gefiltert und verdichtet. Dadurch entsteht die Gefahr, dass differenzierte Perspektiven, kulturelle Vielfalt und Beiträge marginalisierter Gruppen weniger sichtbar werden. Dies könnte langfristig die Qualität und Tiefe von Bildungs- und Medieninhalten gefährden.

Um nicht von diesen schnellen Entwicklungen überholt zu werden, ist es für Sie als Führungskraft im Bildungsbereich entscheidend, ein vertieftes Verständnis von KI zu entwickeln. Nur so bleiben Sie in der Lage, fundierte Entscheidungen für die Zukunft der eigenen Organisation zu treffen, ohne sich bei jeder Umdrehung des Schwungrades KI neu aufstellen zu müssen.

 

KW 27 | 2025 — Der KI-Fuhrpark: Fünf Autos reichen

Erschienen am 2. Juli 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Tag erscheinen neue Tools, neue Studien, neue Anwendungen. Und mit ihnen steigt die Überforderung: Welche Tools braucht man wirklich? Was ist sinnvoll, was nur Lärm? Besonders für Fach- und Führungskräfte in Bildungsorganisationen ist es schwer, den Überblick zu behalten.

Vielleicht hilft eine Analogie – eine kleine Spritztour durch den Verkehr.

Manchmal hilft auch der einfachste Weg: Vielleicht komme ich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den Öffis am schnellsten, sichersten und günstigsten ans Ziel. Übertragen auf KI heißt das: Nicht jedes Vorhaben braucht ein Tool – manches gelingt es analog und ohne Technik besser.

Wenn ich mich aber für ein KI-Tool entscheide, ist das ein bisschen wie bei der Wahl des Fahrzeugs: Ich überlege mir zuerst, wohin ich fahren will. Mache ich einen Campingurlaub, brauche ich ein robustes, geräumiges Fahrzeug. Möchte ich abends stilvoll durch die Stadt cruisen, hätte ich gerne ein schnittiges Cabrio. Fahre ich alleine oder nehme ich andere mit?

Bevor ich also ein Tool auswähle, muss ich mir über den Zweck klar werden. Möchte ich Inhalte automatisieren, Zeit sparen, Lernprozesse begleiten, analysieren oder beeindrucken?

Natürlich gibt es nicht das eine perfekte Tool. Wie im echten Leben hilft ein kleiner Fuhrpark – gut ausgewählt und sinnvoll gepflegt. Fünf Autos in der Garage reichen meist. Bloß nicht zu viel!

Der Kombi: Für uns ist das eines der großen Large-Language-Models. Nicht sexy, aber verlässlich. Ein Tool, das ich im Schlaf bedienen kann. Ich kenne jede Funktion, jeden Shortcut, jedes Packmaß. Ideal für den täglichen Einsatz – effizient, vertraut, stabil.

David: Chat GPT , weil es so viele Features hat und meist vorne dabei ist mit guter Qualität.

Sonya: Gemini , liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Chat GPT, gefällt mir wegen der von Anfang an sehr strukturierten, klaren Texte so gut.Christiane: Chat GPT, weil ich hier die KI-Assistenen (GPTs) mit Dritten teilen kann (gerne auch als App, wegen der Live-Kamera und der Voice-Funktion).

Der Spezialist: Vielleicht ein Umzugswagen. Ein KI-Tool, das ich selten brauche, aber wenn, dann richtig. Zum Beispiel für Transkription, Zusammenfassungen, Übersetzungen – datenschutzkonform und auf Abruf.

David: Langdock

Sonya: DeepL als Übersetzungs- und Schreibassistenz

Christiane: Langdock , weil ich damit datenschutzkonform mit meinen persönlichen Dateien arbeiten kann.

Der Zweitwagen für Bilder, Videos und Avatare: Nützlich für ganz spezielle Strecken, kleine Aufgaben, schnelles Agieren.

David: Gemini (erzeugt mittlerweile sehr gute Bilder und Videos) und recraft.ai , da es Bilder in erstaunlicher Qualität liefert und sehr viel in der kostenlosen Version zulässt.

Sonya: hedra.com – Mein Liebling, um abwechslungsreichen Sprachunterricht zu gestalten: Egal ob Patientin im Krankenhaus, Kollegin oder ... Jeden Gesprächspartner können wir in authentischer Sprache zu Wort kommen lassen. Und eine nahezu natürliche Mimik beobachten.

Christiane: Midjourney , wenn es mal mehr sein soll als ein schnelles 08/15-Bild von Chat GPT

Der Kleinwagen für Audios: Ideal für kurze Strecken und gezielte Einsätze – schnell, flexibel und effizient.

David: ElevenLabs wobei ich die Funktion „Conversational AI“ am spannendsten finde. Audio-Dialog auf Basis von definierten Daten in Echzeit und sehr realistisch, menschlich anmutend...

Sonya: ElevenLabs – Wie David nutze auch ich meist “Conversational AI”, weil meine Sprachcoachees so häufig wiederkehrende Gesprächsanlässe trainieren können.

Christiane: Notebook LM , weil ich mir hier aus Wissensdatenbanken schnell einen Podcast generieren kann, der mir einen guten Überblick gibt.

Das Cabrio: Ab und zu will ich auch glänzen. Tools mit Wow-Faktor – für die Keynote, den Workshop, für Blödsinn. Sie bringen Glanz, auch wenn sie nicht jeden Tag im Einsatz sind.

David: Napkin für schnelle Infografiken auf Basis von Text

Sonya: VisionStory für Videos, Präsentationen, Videopodcasts und mehr

Christiane: Gamma , weil es schnell ansprechende Präsentationen, Webseiten und Dokumentationen erstellt.

Was alle Autos gemeinsam haben: Sie brauchen einen Parkplatz und darüberhinaus Ressourcen, Einarbeitung, Wartung. Und in einem Unternehmen muss geklärt sein, wer einen Führerschein hat, wer wann mit den Autos fahren darf, wo der Schlüssel hängt und wo das Fahrtenbuch liegt. Wie beim echten Fuhrpark gilt: Ab und zu sollte man sich fragen – brauche ich dieses Auto noch? Nutze ich es wirklich? Oder blockiert es nur den Parkplatz?

Auch digitale Tools brauchen Pflege. Regelmäßig durchchecken, was noch fährt – und was raus kann. Denn der Platz im Tool-Fuhrpark ist begrenzt. Wer ein neues Tool einführt, sollte ein altes dafür abschaffen. Nur so bleibt man beweglich und kann die Übersicht behalten.

Und selbst wenn ich meinen Fuhrpark liebe – ich bin ja nicht allein auf der Straße. Als Bildungsanbieter muss ich schauen: Was tut sich um mich herum? Welche Autos fahren gerade besonders häufig vor? Wer nutzt was, und wie verändert das den Verkehr?

Konkret heißt das: Welche Rolle spielt KI in anderen Bildungsorganisationen? Welche Einsatzszenarien entstehen, welche verschwinden wieder? Wo liegt Potenzial für neue Formate, und was sagt das über meine eigene Fahrtrichtung?

Vielleicht verändert sich gerade auch die gesamte Straßenführung. Fahren plötzlich mehr Menschen Fahrrad oder Bahn? Wird eine Spur zur Buslinie, entsteht ein Radweg, ist irgendwo eine Großbaustelle, die den Zugang verändert? Bin ich überhaupt noch gut angeschlossen – oder stehe ich plötzlich am Rand einer Sackgasse? All das beeinflusst, wie ich mich bewegen kann – und wohin. Die Verkehrsverhältnisse ändern sich gerade rasant. Und zwar nicht am Reißbrett – sondern schon während wir alle längst unterwegs sind.

Das Wichtigste zum Schluss: Es ist kein Rennen. Wer sich von der Geschwindigkeit des KI-Markts stressen lässt, verliert eher die Orientierung, als dass er gewinnt. Besser ist es, zuerst auf das eigene Navi zu schauen: Wo will ich hin? Welche Optionen habe ich? Welche passt mir am besten?

KI ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Verkehrsmittel. Und wie im echten Verkehr gilt: Gute Orientierung, klare Ziele und ein sicherer Fahrstil bringen mich zum Ziel.

 

KW 25 | 2025 — Die Hürde ist die Annahme, dass es eine ist

Erschienen am 18. Juni 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

manche Entwicklungen schleichen sich langsam ins Bewusstsein. Andere brechen sich plötzlich Bahn. Bei KI-Assistenten trifft beides zu.

Seit über anderthalb Jahren lassen sich mit Chat GPT sogenannte Custom GPTs erstellen – persönliche Assistenten, die bei Bedarf “mitdenken”, strukturieren, formulieren oder nachschlagen. Inzwischen gibt es solche Funktionen auch bei vielen anderen großen Sprachmodellen. Und in zahlreichen Berufsfeldern – von Marketing über Beratung bis zur Projektarbeit – ist es längst selbstverständlich geworden, sich mehrere spezialisierte Assistenten für unterschiedliche Aufgaben zu bauen und bei Bedarf dazuzuholen.

Denn die Vorteile liegen auf der Hand: Diese digitalen Helfer entlasten bei Routinetätigkeiten, verschaffen schnellen Zugang zu Informationen und unterstützen bei Textarbeit, Planung oder Recherche. Sie verstärken uns bei unserer Arbeit, ohne uns zu ersetzen.

So dynamisch sich die Entwicklung in vielen Branchen zeigt – in der Erwachsenenbildung sieht es oft ganz anders aus. Zwei Gründe begegnen uns dabei besonders häufig:

Erstens: In den meisten Einrichtungen arbeiten Mitarbeitende nach wie vor ausschließlich mit ihren kostenfreien privaten Accounts von Chat GPT & Co, sogenannter Schatten-KI. Ohnehin eine fragwürdige Praxis, aber sie erlaubt zudem weder den Einsatz unternehmenseigener Daten noch die Einrichtung von Assistenten. Dadurch entsteht der Eindruck, KI sei „ganz nett, aber nicht wirklich brauchbar“. Ein Trugschluss und ein klassischer Fall von am falschen Ende gespart.

Zweitens: Es fehlt vielfach an Wissen über datenschutzkonforme und gleichzeitig bezahlbare Lösungen, mit denen sich KI sicher und professionell einsetzen lässt – auch mit unternehmenseigenen Dokumenten. Dass so etwas längst möglich ist, scheint in vielen Teilen der Erwachsenenbildung schlicht nicht angekommen zu sein. Uns überrascht immer wieder, wie wenig bekannt diese Optionen sind – gerade in einem Bildungsbereich, der andere durch den digitalen Wandel begleiten soll.

Hinzu kommt: Die Erwachsenenbildung arbeitet häufig unter hohem Druck. Strukturen, um Neues gemeinsam zu entwickeln, fehlen. Die Aufgaben sind vielfältig, der Alltag dicht getaktet. „Ich kann den Zaun nicht reparieren, ich muss die Hühner fangen.“

Doch genau hier beginnt das Problem. Wer keine Zeit hat, um die eigenen Abläufe zu verbessern, wird dauerhaft zu wenig Zeit haben.

Ein weitverbreiteter Irrtum ist, man müsse programmieren können oder über technisches Wissen verfügen, um eigene KI-Assistenten zu generieren, wie beispielsweise einen Onboarding-Assistenten für neue Kollegen. Tatsächlich ist es relativ einfach: Man stellt gezielt zentrale Dokumente bereit – etwa Onboarding-Unterlagen, FAQs, Prozessbeschreibungen, Kursmaterialien – und sagt dem Assistenten sinngemäß:

„Wenn jemand etwas fragt – schau nach und antworte verständlich.“

Kein Code, keine technische Konfiguration. Nur die Bereitschaft, das eigene Wissen an einer Stelle sinnvoll zu bündeln und klare Anweisungen zu formulieren:

  1. Aufgaben identifizieren2. In Arbeitsschritte zerlegen3. Überlegen, was man an die KI abgeben kann/möchte und was nicht4. KI-Aufgaben formulieren5. Machen

An möglichen Anwendungen mangelt es nicht - ob im Kurs, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit oder interne Verwaltung. Und dann macht es plötzlich einen spürbaren Unterschied: Ob ich eine halbe Woche für die Vorbereitung eines Audits benötige – oder zwei Stunden. Ob ein Förderantrag eine gute Woche verschlingt – oder in einem Nachmittag erledigt ist. Diese Zeitgewinne entstehen nicht durch das gelegentliche Zusammenfassen eines Textes mit Chat GPT, sondern durch verlässliche, dauerhaft verfügbare Assistenten, die mit unseren eigenen Inhalten arbeiten.

Mehr noch: Es entsteht ein struktureller Unterschied. Denn während ich noch damit beschäftigt bin, dem nächsten Huhn hinterherzulaufen, arbeitet die Konkurrenz bereits mit Assistenten. Sie schafft sich Freiräume – zeitlich wie gedanklich – und nutzt sie für Entwicklung, Strategie, neue Ideen.

Die größte Hürde ist oft nur die Annahme, dass es eine große ist. Was uns in Workshops immer wieder begegnet, ist echte Verblüffung: wie niedrig diese Schwelle hin zu KI-Assistenten in Wirklichkeit ist. Mehr dazu in unserer 51° Nord-KI-Sprechstunde am 26.06. (s.u.) für Enterprise-Mitglieder, bei Christiane und Sonya am 28.06. in Bielefeld oder bei David .

 

KW 23 | 2025 — KI ist keine Digitalisierung 2.0

Erschienen am 4. Juni 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

merken Sie das eigentlich auch?Wir hängen gerade zwischen den Stühlen. Die einen machen KI zur nächsten Stufe der Digitalisierung – und jagen von Tool zu Tool, als wäre alles nur ein großes Effizienz-Upgrade. Die anderen flüchten ins Menschliche, als gäbe es nur dort noch Rückzugsräume. Coaching! Beziehung! Empathie! Nur: Auch dort ist KI längst angekommen – simuliert, spiegelt, interagiert.

Was uns in der Erwachsenenbildung dabei fehlt, ist ein eigener Zugang. Einer, der anerkennt: KI ist nicht einfach die logische Fortsetzung von Digitalisierung. Sie verändert die Spielregeln. Und zwar radikal.

Und genau da wird’s kritisch.Denn diejenigen, die KI nur als technische Fortschreibung denken, verbrennen gerade unheimlich viel Geld und Energie. Es entstehen Anwendungen, Plattformen, Chatbots – zum Teil technisch beeindruckend, aber pädagogisch kraftlos, strategisch orientierungslos und oft an den eigentlichen Zielgruppen vorbei. Das Problem ist nicht der Mangel an Technik. Das Problem ist die falsche Brille.

KI ist keine Digitalisierung 2.0.Sie tickt anders. Sie lässt sich nicht aus bisherigen Bildungslogiken ableiten. Und: Sie verschiebt nicht nur Methoden, sondern Haltungen, Rollenbilder, Verständnisse. Das belegen nicht nur Systembeobachtungen, sondern auch empirische Studien. Nur ein kleines Beispiel aus einer aktuellen Studie : Ein KI-basierter Lern-Chatbot sollte Studierende im selbstregulierten Lernen unterstützen. Erwartet wurde, dass die Selbstorganisierten profitieren. Passiert ist das Gegenteil: Die weniger strukturierten Lernenden wuchsen über sich hinaus. Die Selbstdisziplinierten verloren teilweise an Orientierung.

Heißt: Unsere Intuitionen greifen nicht mehr. Und unsere Berufserfahrung? Hilft nur bedingt.

Was wir stattdessen brauchen, ist der Mut, Bildung nicht mehr von der Vergangenheit her zu denken – sondern von der Gegenwart, in der KI längst mitgestaltet. Und das trifft nicht nur große Onlineanbieter. Das betrifft alle: lokale Bildungszentren, freie Träger, etablierte Institutionen. Wer glaubt, KI sei nur für „die anderen“ relevant oder es reiche aus, Chat GPT bedienen zu können, verpasst gerade die Weichenstellung.

Die spannende Frage ist also nicht mehr: Was machen wir mit KI?Sondern: Wie schaffen wir es, unsere langjährige Erfahrung mit echter KI-Literacy zu verbinden – und daraus etwas Eigenes, Tragfähiges zu entwickeln?

 

KW 21 | 2025 — Wenn die Einsteigerrollen verschwinden

Erschienen am 21. Mai 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

eine aktuelle Arbeitsmarktstudie von Deloitte liefert brisante Einblicke in die Herausforderungen beim Berufseinstieg junger Talente. Demnach sehen 66 Prozent der befragten Führungs- und HR-Kräfte Defizite in der Qualifikation von Nachwuchskräften – und führen dies vor allem auf mangelnde praktische Fertigkeiten zurück.

Woran das liegt? Der Berufseinstieg hat sich fundamental verändert. Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Routinetätigkeiten, die früher klassischen Einsteigerrollen vorbehalten waren. Diese Automatisierung stellt etablierte Strukturen der Wissensarbeit infrage – und entzieht jungen Mitarbeitenden gleichzeitig essenzielle „Learning-by-doing“-Gelegenheiten.

Denn genau diese einfachen, oft unterschätzten Aufgaben waren bislang das Fundament, auf dem Menschen beruflich wachsen konnten. Sie waren das Übungsfeld, die Orientierung, der erste Schritt zur Expertise.

Was passiert, wenn dieser Einstieg fehlt?

Wenn Lerngelegenheiten im Alltag wegfallen, schrumpfen dadurch auch berufliche Entwicklungsräume. Unternehmen erwarten nach wie vor Fachkräfte mit komplexen Fähigkeiten – aber die bisherigen Stufen dorthin verschwinden. Wer heute ins Berufsleben startet, soll oft schon morgen souverän agieren – ohne die Möglichkeit, sich im Kleinen zu erproben.

Das ist nicht nur eine Herausforderung für Personalentwicklung, sondern auch eine Aufgabe der Weiterbildung:

Wie sichern wir künftig Erfahrungswissen, wenn es keine Einsteigerrollen mehr gibt?

Wie entwickelt sich berufliche Identität, wenn der Raum zum Mitlaufen, Üben, Beobachten fehlt?

Wie lernen Menschen, Verantwortung zu tragen, wenn sie nicht mehr mit Teilverantwortung beginnen können?

Viele Bildungsangebote sind auf Menschen ausgerichtet, die sich weiterbilden wollen – auf dem Fundament einer beruflichen Grundkompetenz. Doch was, wenn dieses Fundament brüchig wird? Wenn klassische Karriereleitern abgebaut werden, bevor Alternativen entstanden sind?

Noch ist das vielen Unternehmen nicht vollständig bewusst. Noch wird generative KI vor allem als Effizienzgewinn betrachtet – nicht als Eingriff in Lernbiografien. Noch fehlt eine Vorstellung davon, wie neue Wege aussehen könnten.

Gerade deshalb braucht es Bildungsanbieter, die zuhören, beobachten, experimentieren. Nicht, um sofort mit fertigen Konzepten aufzuwarten. Sondern um mitzugestalten, wie Lernen unter diesen neuen Bedingungen möglich wird. Um Partner zu werden in einem Umbruch, der gerade erst beginnt.

Diese Situation ist für Bildungsanbieter kein fertiger Markt – sie ist ein offener Raum. Ein Raum, in dem wir mitdenken können: Wie sehen Formate aus, die Menschen ohne lange Erfahrung verantwortungsfähig machen? Wie können wir Einstiegskompetenzen neu denken? Und wie unterstützen wir Unternehmen dabei, den Verlust informeller Lernräume überhaupt erst wahrzunehmen?

KI im Alltag – und keiner versteht sie

Aktuelle Zahlen belegen, dass es nicht an Zugängen mangelt, sondern an Wissen. Zwei Drittel der Deutschen nutzen Künstliche Intelligenz bereits im Alltag, im Job oder im Studium. Doch echtes Verständnis für die Technologie fehlt. Laut einer KPMG-Studie landet Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema KI-Kompetenz - trotz hoher Nutzungszahlen - auf dem vorletzten Platz. Auch Österreich schneidet kaum besser ab.

Apropos Lernen: Die Metaanalyse von Wang und Fan (2025) zu den Lernwirkungen von Chat GPT findet aktuell breite Beachtung in der Weiterbildung, ist jedoch wissenschaftlich in der Methodik und damit auch in den Aussagen nicht unumstritten. Sie vereint u.a. sehr heterogene Studien mit teils kleinen Stichproben, untersucht überwiegend kurzfristige Effekte und differenziert den Einsatz von Chat GPT & Co. kaum. Deshalb: kritisch bleiben.

 

KW 19 | 2025 — Zum ersten Mal teilen wir Sprache mit einer anderen Spezies

Liebe Leserin, lieber Leser,

Zum ersten Mal teilen wir Sprache mit einer anderen “Spezies”. Nicht Syntax. Nicht Befehle. Sondern - scheinbar - echte sprachliche Begegnung.

Neulich in einem Gespräch mit einer Dozentin: „KI? Das ist für mich nicht relevant. Ich arbeite ja nicht digital.“ Ein Satz, wie man ihn im Moment oft hört. Dahinter steckt ein Missverständnis – und vielleicht auch eine gewisse Beruhigungsformel. Als wäre Künstliche Intelligenz nur eine Funktion in irgendeiner App. Oder eine Erweiterung von E-Learning.

Denn während wir noch darüber sprechen, welche Arbeitsblätter Chat GPT generieren kann oder wie man es datenschutzkonform in Lernsettings einbindet, hat sich etwas Grundsätzliches verschoben: die Art und Weise, wie Menschen KI erleben. Nicht als Werkzeug. Sondern als Gegenüber.

Daten aus Nutzungsstudien und Interviews zeigen: Die Top-Anwendungsfälle für Chat GPT im Jahr 2025 heißen nicht mehr „Produktivität“ oder „Textgenerierung“. Sie heißen Purpose, Begleitung, Therapeutische Gespräche. Gleich danach folgt “Erweitertes Lernen”. Menschen wenden sich an KI nicht mehr nur, um etwas zu erledigen, sondern um etwas zu empfinden. Orientierung. Nähe. Sogar Trost.

Warum? Weil Sprache wirkt. Und Chat GPT & Co. sind inzwischen in der Lage, mit uns so zu sprechen, dass wir uns verstanden fühlen. Nicht nur gehört. Verstanden.

Für uns, die wir mit Menschen arbeiten – in der Lehre, im Coaching, in der Weiterbildung –, ist das mehr als ein technologischer Trend. Es ist eine neue Qualität gespiegelter, nachgeahmter Menschlichkeit. Ein Spiegel, der uns zeigt, dass die Stärke von KI nicht in der richtigen Antwort liegt, sondern in der richtigen Art zu antworten. Mit Feingefühl. Mit einem Verständnis für das, was nicht gesagt wurde.

Und vielleicht am eindrucksvollsten: in der Fähigkeit zu pausieren.

Was auf den ersten Blick technisch wirkt – dass Advanced Voice von ChatGPT jetzt Pausen im Gespräch setzt –, ist in Wirklichkeit ein kommunikativer Quantensprung. Denn genau in diesen Pausen entsteht Nähe. Resonanz. Bedeutungsraum. Dort, wo früher nur maschinenhafte Reaktionsgeschwindigkeit zählte, zeigt die KI nun etwas zutiefst Menschliches: das Aushalten von Stille, das Zulassen von Zwischenraum. Und das trifft uns – nicht rational, sondern emotional.

Das ist keine Science-Fiction mehr. In Tests zur Theory of Mind schneidet Chat GPT besser ab als viele Menschen. Es erkennt indirekte Bitten, soziale Codes, unausgesprochene Erwartungen – kurz: Es agiert sprachlich auf Augenhöhe. Nur Ironie und Witz sind noch nicht ausgereift. (Aber vielleicht ist das auch eine letzte Bastion.)

Das eigentliche Problem: Wir schauen auf KI mit dem Blick der Lehrkraft, des Bildungsanbieters. Was kann sie für mich tun? Für meinen Unterricht? Für meine Materialien?

Wir fragen viel zu selten: Was tut sie mit meinen Teilnehmenden? Was bedeutet es, wenn Lernende beginnen, sich lieber einer Maschine anzuvertrauen?

Wenn sich individuelles Lernen, emotionale Ansprechbarkeit und sprachliche Feinfühligkeit in der KI verbinden, dann berührt das unmittelbar unsere Rolle als Lehrende, Beratende, Begleitende.

Diese Entwicklung haben wir bislang kaum in ihrer Tiefe erfasst. Wir richten unseren Fokus noch immer auf Fragen wie: Wer ist klüger? Wie erkennen wir Halluzinationen? Wie lässt sich KI in Prüfungsformate integrieren? Doch das eigentliche disruptive Potenzial liegt woanders: in der menschenähnlichen Sprache, in der Art, wie KI kommuniziert – und genau dort fordert sie uns heraus, wo wir uns als Menschen stark fühlen. Im Zwischenmenschlichen. Im Spürbaren. Im Vertrauen.

Vielleicht erleben wir gerade eine dieser berühmten kosmologischen Kränkungen, von denen Freud sprach. Nicht nur, dass wir nicht das Zentrum des Universums sind (Kopernikus) oder einzigartig unter den Tieren (Darwin) – jetzt könnten wir auch sprachlich nicht mehr allein sein.

Wir sollten beginnen, das ernst zu nehmen.

 

KW 17 | 2025 — Lernplattformen unter Druck

Liebe Leserin, lieber Leser,

digitale Lernplattformen galten lange als Paradebeispiel für die erfolgreiche Digitalisierung der Bildung. Sie versprachen, Wissen effizienter, standardisierter und skalierbarer zu machen. Unternehmen konnten E-Learning-Module zentral bereitstellen, Lernfortschritte steuern und Trainingsprozesse kontrolliert managen – Lernplattformen wurden als sichere Zukunftsinvestition gefeiert.

Digitale Lernplattformen: Erfolgsmodell unter Druck

Doch zwischen den Erwartungen der Anbieter und der tatsächlichen Nutzung zeigte sich oft eine deutliche Diskrepanz. Mit dem Aufkommen Künstlicher Intelligenz wird nun klar: Auch diese Systeme sind nicht vor Disruption gefeit. KI verändert die Spielregeln des Lernens grundlegend – und setzt selbst die etablierten Flaggschiffe unter Druck.

Der Branchenkenner Josh Bersin bringt es in seiner aktuellen Podcast-Folge How the $360 billion corporate learning market is being blown up by AI schonungslos auf den Punkt: “The content is the platform and the platform is the content.”

Was aktuell in Unternehmen weltweit passiert

Erste Unternehmen wenden sich von klassischen Lernplattformen und standardisierten E-Learning-Kursen One-size-fits-all ab. Stattdessen setzen sie auf neue Anbieter wie Sana , die es ermöglichen, Inhalte "on-demand" und kontextabhängig zu generieren oder sich direkt beim Spazierengehen mit den Inhalten zu unterhalten. Unternehmen müssen ihre Lerninhalte nicht mehr auf Vorrat entwickeln lassen, sondern bereiten bestehende Dokumente und Informationen innerhalb kürzester Zeit zu passgenauen und deutlich günstigeren Trainingsmodulen auf. Übersetzungen, Anpassungen und Aktualisierungen erfolgen unmittelbar.

Damit geraten nicht nur traditionelle Weiterbildungsformate, sondern auch die bislang als zukunftssicher geltenden Lernplattformen unter Veränderungsdruck.

Verschiebung von Rollen und Aufgaben

Diese Entwicklung verändert auch klassische Rollen in der Bildungsarbeit. Aufgaben wie Konzeption, Aufbereitung und Verteilung von Lerninhalten, die früher oft an externe Agenturen oder Trainer ausgelagert wurden, wandern zunehmend in die Unternehmen selbst. Fachabteilungen übernehmen verstärkt die Inhaltsentwicklung, unterstützt durch KI-Tools.

Beispiel: Ahlsell setzt auf KI-gestütztes Lernen

Der schwedische Handelskonzern Ahlsell mit über 7.500 Mitarbeitenden illustriert diesen Wandel eindrucksvoll. Das Unternehmen hat seine komplette Lernorganisation auf eine KI-gestützte Plattform umgestellt.

Zentrales Merkmal ist die neue Geschwindigkeit bei der Kursentwicklung. Früher dauerte die Erstellung eines einzelnen Kurses bei Ahlsell mehrere Monate. Heute kann eine Person innerhalb eines Tages einen Kurs erstellen, ihn für verschiedene Märkte übersetzen und die Qualität der Übersetzungen überprüfen.

Auch die Dezentralisierung schreitet voran: Fachabteilungen in unterschiedlichen Ländern entwickeln eigene Trainingsprogramme autonom. Bestehende Materialien – etwa Handbücher oder Produktinformationen – werden innerhalb von Minuten in digitale Lernmodule umgewandelt.

Fazit: Wandel mit offenem Ausgang

Am Beispiel Ahlsell wird sichtbar, wie KI-gestützte Systeme Strukturen, Prozesse und Rollenverständnisse im Bereich Lernen und Weiterbildung verändern.

Welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf Lernkulturen und Bildungsqualität haben werden, ist allerdings noch offen – und wird aktuell in vielen Unternehmen weltweit intensiv diskutiert.

 

KW 15 | 2025 — Von SEO zu GEO: Sichtbar bleiben, wenn die KI antwortet

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Internet verändert sich – und mit ihm die Spielregeln für digitale Sichtbarkeit. Mit der neuen Funktion AI Overview zeigt Google bei vielen Suchanfragen jetzt automatisch eine kurze Zusammenfassung an – erstellt von künstlicher Intelligenz. Diese Funktion ist seit Kurzem auch in Deutschland verfügbar. Sie soll Nutzerinnen und Nutzern helfen, sich schnell einen Überblick über ein Thema zu verschaffen – ohne eine Website anklicken zu müssen.

Für Bildungsakteure, die Informationen im Netz anbieten, ist das eine echte Herausforderung: Wichtige Inhalte stehen nun oft direkt in der KI-Zusammenfassung. Das kann frustrierend sein: Man steckt Zeit, Herzblut und Expertise in gute Inhalte, sieht aber weniger Besuch auf der eigenen Website.

Noch schwieriger wird es, wenn KI-Systeme wie Chat GPT & Co. Inhalte nutzen, ganz ohne Quellen anzugeben. Anders als klassische Suchmaschinen funktionieren sie wie Antwortmaschinen: Sie liefern direkt eine formulierte Antwort – häufig ohne zu zeigen, woher diese stammt. Die Quelle rückt in den Hintergrund, die Autorinnen und Autoren bleiben unsichtbar.

Diese Entwicklung ist in Deutschland noch nicht so präsent, nimmt aber an Fahrt auf – denn immer mehr Menschen nutzen KI direkt als Suchmaschine. Tools wie Perplexity oder You sind darauf spezialisiert. Diese Anbieter nennen zwar Quellen, aber viele Nutzer klicken sie kaum noch an – denn die Antwort liegt ja bereits vor.

Was bedeutet das für Bildungsanbieter? Es reicht nicht mehr aus, nur für das klassische Google-Ranking zu optimieren. Wer weiterhin digital sichtbar bleiben will, muss auch dort auftauchen, wo KI Antworten generiert. Es entsteht ein neues Feld: Die klassische Suchmaschinenoptimierung (SEO) wandelt sich zur Generative Engine Optimization (GEO).

Checken Sie mal, ob Ihre Einrichtung und Ihr Bildungsangebot in Chat GPT & Co. sichtbar sind!

Wir haben uns intensiv mit dem Thema beschäftigt und geben Tipps in unserer nächsten KI-Sprechstunde – exklusiv für unsere Enterprise-Mitglieder am 30. April.

Larissa Holzki vom Handelsblatt bringt die Entwicklung im aktuellen KI-Briefing auf den Punkt:„Mit dem Internet, wie wir es kennen, ist es aus.“

Genau das dachten auch wir, als wir die Testversion von Manus AI ausprobieren durften – und natürlich direkt losgelegt haben.

Das Tool ist wirklich beeindruckend - oder je nach Perspektive - auch beängstigend: Aus einem knappen, vierzeiligen Prompt erstellt Manus innerhalb von Minuten einen vollständigen eLearning-Kurs. Das hat sogar uns überrascht.

Wer aktuell über die Entwicklung einer Lernplattform oder eines digitalen Bildungsangebots nachdenkt – und dafür Zeit, Budget und Nerven investiert – oder eine eigene Lernplattform betreibt, sollte unbedingt vorher einen Blick in unseren Testbericht unten im Newsletter werfen. KI-Modelle wie Manus stellen das Geschäftsmodell klassischer Lernplattformen infrage – denn sie können Inhalte großflächig abschöpfen, teils sogar hinter Bezahlschranken. Und wenn dann noch Kurse in Windeseile in solider Qualität on demand generiert werden können, gerät das Fundament vieler Lernplattformen ins Wanken. Mehr dazu in der Mitglieder-Edition .

 

KW 13 | 2025 — KI als Teammitglied

Liebe Leserin, lieber Leser,

Künstliche Intelligenz hat in den letzten Jahren zunehmend Einzug in verschiedene Bereiche der Wissensarbeit gehalten. Ihre Rolle als Produktivitätstool wurde schon vielfach untersucht, nun aber stellt sich eine weitere Frage: Was passiert, wenn KI als aktives Mitglied in ein Team eingebunden wird?

Genau dieser spannende Frage widmete sich ein Forschungsteam um Fabrizio Dell’Acqua, Charles Ayoubi und Karim Lakhani vom Digital Data Design Institute in Harvard. In der Studie The Cybernetic Teammate: A Field Experiment on Generative AI Reshaping Teamwork and Expertise nahmen sie 776 erfahrene Fachleute von Procter & Gamble unter die Lupe.

Überraschende Erkenntnisse, die zum Nachdenken anregen

Leistung neu definiert: Teams mit KI erzielten bessere Ergebnisse als Teams ohne KI. Normalerweise schneiden Teams in den getesteten Situationen besser ab als Einzelpersonen. Doch mit KI änderte sich auch dieses Bild: Einzelpersonen mit KI konnten Teams ohne KI übertreffen.

Grenzen überwinden: Viele Unternehmen kennen das Problem von Wissenssilos, in denen Experten aus verschiedenen Bereichen hauptsächlich in ihrem Fachgebiet bleiben. Doch die Studie zeigt, dass KI diese Silos durchbrechen kann. Sie hilft Menschen, über ihre eigenen Fachgrenzen hinauszudenken und zu interdisziplinären Lösungen zu gelangen. Das fühlt sich fast so an, als würde die KI wie ein inspirierendes neues Teammitglied agieren.

Positive Emotionen statt Frust: Und was ist mit den oft beschworenen Ängsten vor Technologie? Überraschenderweise erzeugte die Arbeit mit KI in der Studie überwiegend positive Gefühle. Teilnehmer berichteten von mehr Begeisterung, weniger Angst und deutlich weniger Frustration – ein interessanter Kontrast zu früheren Technologien.

Die Botschaft an Unternehmen und Organisationen ist klar: Künstliche Intelligenz ist weit mehr als ein Produktivitätstool. Sie kann ein echter Katalysator für bessere Zusammenarbeit und kreative Durchbrüche sein. Vielleicht ist es Zeit, darüber nachzudenken, wie KI in Zukunft sinnvoll in Ihr Team integriert werden kann?

 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.